Die Gebrüder Heulsuse


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Man sagt den Gebrüdern Grimm nach, sie hätten die ersten Märchen erfunden. Andere behaupten, sie wären moderne Hexenjäger und hätten ihre Geschichten verniedlicht, damit sie mit diesen auf Jahrmärkten auftreten konnten. Ich sage euch, sie sind dreckige Lügner und würden sich nur bei der Hälfte, die ich erlebt hab, die Pulsadern aufschneiden und sich zu ihrem Froschkönig in den Brunnen stürzen!

Wie ich darauf komme? Das kann ich euch erzählen.

Ihr kennt doch die süße Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen. Sie ist schöner als die Königin, der Jäger soll ihr das Herz herausschneiden, sie rettet sich zu den geheimen Zwergen, der Prinz findet und rettet sie, nach diesem kleinen „Apfel-Zwischenfall“…

Totaler Quatsch. So fand die Geschichte gar nicht statt.

Ich war mit den Brüdern unterwegs. Kennen gelernt hatten wir uns im Waisenheim und nachdem wir zu alt waren dort zu leben, schmissen uns die barmherzigen Samariter einfach raus.

Wir verbrachten ein paar Tage auf der Straße, lebten von geklautem Brot und Obst. Schon bald fingen wir an wichtigere Dinge zu klauen. Verlotterten Jugendlichen sieht man an, dass sie klauen wollen. Jungen Männern in feinem Zwirn, mit Zylindern, öffnet man sogar die Tür und bietet Ware zur Probe an – die Eltern könnten ja reich sein!

So ergaunerten wir uns in der ersten Stadt maßgeschneiderte Anzüge und Pferde. In der nächsten Stadt wechselten wir jeden Tag das Gasthaus und schnorrten Zigarren und frisches Essen, bis wir drohten aufzufliegen, vorher zogen wir weiter.

So trafen wir eines Tages im Wald dieses Mädchen. Pechschwarze, strähnige Haare, eine fahle blasse ausgemergelte Haut hing ihr von den Knochen, trockene, blutrot gebissene Lippen hatte sie und hochschwanger war sie auch noch!

Wir gaben ihr Wasser und einen roten, das Sonnenlicht reflektierenden, Apfel.

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Wir ließen sie verschnaufen, bis sie in der Lage war zu sprechen.

Renate hieß sie. Ihr Vater, der König, hatte sie viele Jahre lang gefangen gehalten und geschwängert. Ihre Mutter, an Alzheimer und Schizophrenie erkrankt, bürstete ihr in einer Sekunde die Haare und in der nächsten drückte sie ihr glühende Eisen in die Haut. Sie erzählte uns, dass sie schon des Öfteren schwanger gewesen wäre und all ihre Kinder einem Drachen geopfert wurden, da sie sonst Anspruch auf den Thron gehabt hätten. Mit wirklich allerletzter Kraft konnte sie sich aus dem Kerker befreien. Sie war sich sicher, dass sie nicht noch eine Geburt überleben würde.  Aus irgendeinem Grund hing sie noch an ihrem jämmerlichen Leben.

Wir nahmen sie mit und trafen auf eine Gruppe Gaukler, die sich auf einer Lichtung im Wald niedergelassen hatten. Viele von ihnen waren körperlich beeinträchtigt, kleinwüchsig, hatten verkümmerte Arme, zu große Köpfe und zu kleine Gehirne.

Als wir mit Renate einritten, waren sie überfreundlich, strichen ihr über den Bauch und teilten sofort ihren Eintopf mit ihr, der in einem Kupferkessel über dem Feuer blubberte. Sie sah erleichtert aus.

Ich sprach mit dem Obergaukler der Truppe und er sagte mir, dass sie Renate schon in ihre Herzen geschlossen hätten und sie sich gerne um sie kümmern würden. Das war wahrscheinlich das Beste, was ihr passieren konnte! Zirkusleute halten ein Leben lang zusammen und beschützen sich bis in den Tod. So wie Renate jetzt aussah, würde nie jemand darauf kommen, dass sie eine Prinzessin sein könnte und wer konnte wissen, was tatsächlich bei der Geburt rauskommen würde? Sollte das Kind körperlich speziell sein, fiele es unter den sieben Gauklern gar nicht auf. Renate schien den Gedanken zu mögen und ich hätte schwören können, dass sie ein wenig leuchtete, als sie lächelte.

Uns wurde ein Wohnwagen zugewiesen, in dem wir die Nacht verbringen konnten. Er war angenehm mit Stroh ausgelegt und nachdem wir ein riesen Saufgelage um das Lagerfeuer abgehalten hatten und die Gaukler uns mit Rotwein abfüllten bis wir kotzen mussten, fielen wir fast bewusstlos in das Stroh.

Ich schlief den Schlaf der Gerechten und erwachte mit dem ersten Hahnenschrei.

Na ja, es war kein Hahn, sondern die Brüder! Sie heulten wie Mädchen und schrieen nach mir. Die Gaukler waren abgereist. Hatten uns Betrunkene aus dem Wagen getragen und einfach an den Waldesrand gelegt.

Renate hatten sie auch zurückgelassen. Hände und Füße waren ausgestreckt an zwei Eichen gebunden. Die Gaukler hatten ihr das Kind aus dem Leib geschnitten. Sie war tot! Unter ihr schimmerten die Eichenblätter in einem fröhlichen Blutrot, gespickt mit den Gedärmen, die ihr bei der Entnahme des Kindes herausgefallen waren.

Ich überlegte kurz den Wagenspuren zu folgen, um das Kind zu retten.

Doch die Brüder überzeugten mich, dass wir das Schicksal nicht zu sehr herausfordern sollten und wir mit dem Kind eh nix zu tun hätten. Also nahmen wir an der nächstbesten Weggabelung einfach den anderen Pfad.

Im nahegelegenen Dorf machten wir Rast. Wilhelm nahm Feder und Papier zu Hand und begann zu schreiben. Auf meine Frage hin, was er da genau tat, meinte er nur, dass er eine große Vision hätte.

Was dabei rausgekommen ist, kennt ihr ja.

So wurde aus „Renate und die sieben behinderten Gaukler die bestialisch ihr Kind klauten, mal eben Schneewittchen und die sieben Zwerge.“

Viel Spaß mit ihren restlichen Geschichten…

15 Gedanken zu “Die Gebrüder Heulsuse

  1. BWAHAHAHAHA!!! Der war gut! Wobei mich der Schluss ein wenig an an Rotkäppchen erinnert hat, bzw. an den aufgeschnittenen Wolf. Hoffe Du nimmst dir noch ein paar andere grimmige Märchen vor. Ich persönlich bevorzuge ja die Grimm als Wesenjäger Variante – eine der besten Serien ever. Ach ja, einen klitzekleinen Fehler hätte ich da gefunden:

    In der nächsten Stadt wurden wechselten wir jeden Tag das Gasthaus….

    Ich glaube das wurden gehört da nicht so wirklich hin, oder? ;-)

    LG,

    Conny

    Gefällt 2 Personen

  2. Du schreibst also jetzt Kinderbücher? Sehr interessant – die wahre Geschichte mit der Renate, alias Schneewittchen! Wow! Könnte man in die 14. Staffel von Game of Thrones mit einbringen.
    LG
    Sabienes

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  3. Pingback: Der große Frust bei den Coolen Blogbeiträgen der Woche

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