Ich sehe was, was du nicht siehst.


Kochtopf auf Herd

„Mama! Maaaamaaaa! Ich sehe was, was du nicht siehst“, schallte es unten aus der Küche, während ich einmal in Ruhe meine Geschäfte im Badezimmer erledigen wollte.

„Maaaaamaaaa! Ich sehe was, was du nicht siehst“, donnerte es wieder hoch.

Ich rollte mit den Augen und pustete mir den Pony aus dem Gesicht, während ich verträumt auf meine Blümchen-Unterhose an meinen Knöcheln starrte.

„Ist es pink?“, rief ich laut durch die Tür, die mit einem Hängeregal voller Handtücher bestückt war und ich mich fragte, ob mein Elfjähriger mich überhaupt hören könnte.

„Kaaaalt“, brülle er hoch. Frage erledigt.

„Hat es Fell?“ Nicht unwahrscheinlich, dass der fette Kater mal wieder bewegungslos auf dem Tresen lag.

„Kahalt“, sang er nun laut hoch.

Wieso kann ich eigentlich nicht einmal meine Ruhe haben. Nur zehn Minuten. Es sollte eine stillschweigende Regel geben, dass man nicht durch die Toilettentür zu nerven hat. Ich starrte dabei auf meine Beine und erkannte feine Stoppeln. Wann hatte ich sie das letzte Mal rasiert?

„Ist es drinnen?“, rief ich. Er würde eh nicht aufgeben, bis ich es erraten hätte.

„Warm!“, rief er.

Endlich. Ich kam der Sache näher. Sind ja nur 120 Quadratmeter, die ich nun systematisch durchgehen kann.

„Steht es in der Küche?“

Dafür bekam ich mein zweites „Warm“. Bingo!

„Hat es was mit dem Abendbrot zu tun?“ Meine Stimme begann schon zu kratzen von dieser nervigen Brüllerei – hatten wir noch Honig im Haus?

Ich griff zum dreilagigem Muschelklopapier und wollte es gerade fachgerecht zusammenfalten, als ich den lauten Aufschrei des Rauchmelders vernahm.

Der schrille Schrei dieser Warnanlage schwang in jede Ecke des Hauses und ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken fahren. Sofort bekam ich Schnappatmung, mein Herz raste.

„Brennt es?“, schrie ich hektisch runter, die Hosen in einem Zug hochziehend, während ich den Toilettenabzug betätigte und ohne die Hände zu waschen aus der Badezimmertür stürmte.

„Kahalt!“, rief er mir jetzt unten vom Treppensims aus zu. Es roch nicht nach Feuer.

Du kannst echt nur der Sohn deines Vaters sein, dachte ich, während ich ihn aus der Haustür schob und selbst dem Qualm entgegeneilte.

Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen!

Ich hatte die Erbsensuppe für das Abendbrot schon angestellt und auf dem Herd vergessen und anstatt, dass mein Sohn mir konkret hochbrüllt,  dass sie komisch anfängt zu riechen und der Topf heftig blubbert, fing der Trottel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ an zu spielen.

Sehen wir es also realistisch: Arzt oder Anwalt wird der nicht.

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Ein weiteres Kleinod meiner VHS-Kurs Schreibkünste ;)
Unsere Dozentin gab uns die Aufgabe, die menschlichen Sinne in einer Geschichte zu beschreiben, ohne sie konkret zu nennen. In dieser Geschichte geht es also um das Sehen. Irgendwo hab ich auch noch was zum Tastsinn, ich guck mal die Tage, ob ich das finde.

Das war die erste Geschichte, die in Lingen in der Zeitung abgedruckt wurde und ich war natürlich ganz schön nervös. Und auch tatsächlich überrascht, dass meine Mutter sie ausgeschnitten hatte. Und noch mal überrascht, dass ich beim Einkaufen darauf angesprochen wurde. Ich hatte immer gedacht, diese kostenlosen Zeitungen werden nur als Anfeuermaterial für den Holzofen verwendet.

 

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Lifegoal reached 😱 Ich hänge bei Mama am Kühlschrank 🙌🏻 . Das hat weder meine 2 in Mathe in der 4. Klasse geschafft, noch der 3. Platz beim Spiel ohne Grenzen 1984. . Aber meine Kurzgeschichte. Immerhin 😆 Ich bin jetzt schon ein klein wenig stolz und sie auch. . Ihre Freunde haben sie die Tage beim Frühstück mit: “ach guck mal, die Mutter der berühmten Autorin” betitelt😄 . Nein, hier ist niemand berühmt, aber ihre Brust schwoll definitiv ein klein wenig an, weil die das alle gelesen hatten. . Bin gespannt, wie lange der Zeitungsausschnitt in der Küche überlebt 😄 . . . #lifegoal #atthefridge #shortstory #kurzgeschichte #instawriter #writer #author #autorin #autorenzirkEL #emsland #lingen #niedersachsen

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HEADERBild von Foto-Rabe auf Pixabay

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