Blut und Burger


(c) moonglowlilly.deviantart.com

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„Das ist definitiv ein Mord! Fallrichtung und Streuung der Blutstropfen beweisen dieses einwandfrei. Die Pulsadern wurden zur Hand hin aufgeschnitten. „Bist du dir sicher?“ Bin ich die Blutspuren-Expertin oder du? Oder wann hast du dein Studium dazu an der Abendschule nachgeholt?“, witzelte ich ihn mit einem schelmischen Blick an. „Kein Selbstmörder schneidet zur Hand hin. Dann wird der Schnitt schief und man verblutet vielleicht nicht. Das machen nur Leute, die Aufmerksamkeit benötigen. Und die Tatorte sehen dann viel theatralischer aus! Mit wimmerndem Abschiedsbrief, in einer heißen Badewanne, umringt von Duftkerzen und traurige Musik klimpert aus den Boxen. Kein Selbstmörder schneidet sich auf einem hellen Wohnzimmerteppich die Pulsadern auf und fällt dann einfach um. 

Schau dir den Schnitt an. Der ist perfekt gerade durchgezogen, ohne zu zögern, mit einer scharfen klinge, der Wundrand ist ziemlich glatt.“

„Okay Kleine“, sagte der schmuddelige Typ, „Du wirst Recht haben. Wie immer“. Er rollte mit den Augen, seufzte leise in sich hinein und notierte sich alles. „Detectives“, brummelte eine dunkle Stimme hinter ihnen, „wie sieht’s aus?“. Was war denn jetzt los, fragte sich Cat. Wieso kommt der Captain an einen Tatort und sieht nach dem Rechten? „Alles klar, Captain. Bukowski ist mit der Blutspurenanalyse schon fertig, es war Mord.“ „Wer hat sie gefragt Myers?“, brummte der Captain. Captain Anderson hasste Detective Meyers. Na ja, hassen ist hier vielleicht ein zu starkes Wort. Aber Anderson kann Myers nicht leiden. Immerhin ist er Detective und kleidet sich, als würde er seine Anzüge bei einem Ausverkauf besorgen und nicht auf die Größe achten. Die Jacken waren oft zu groß und die labbrigen  Bundfaltenhosen hielt er mit nur einem Gürtel oben. Dass man Schuhe auch putzen kann, hat ihm wohl niemals jemand gezeigt. Da geb ich seiner Mutter ganz klar die Schuld, das hätte zeitlich mal dransitzen können. Ich selbst empfand ihn immer als etwas schmuddelig. Aber eigentlich war er das nicht. Eher immer leicht verwirrt und in seiner eigenen Welt. Er legt nicht viel Wert auf seine Haare, obwohl diese kräftig waren und eine schöne nussbraune Farbe hatten. Er hatte strahlend weiße Zähne und wenn er mal lächelte, leuchteten seine Augen, als hätte er einen Jahresvorrat seines Lieblingseis gewonnen. Und seine Haut war makellos … oh mein Gott, was mache ich hier, rede ich mir Meyers schön? Würg!

„Meinen Blutspurenbericht haben sie heute Abend noch auf dem Tisch Captain.“, gab ich zu Wort und verließ den Tatort. „Die Tatwaffe oder den Mörder finden die Kollegen hoffentlich?“, sagte ich noch im Flur und dann war ich weg.

Gerade als ich in meinen Wagen steigen wollte, ich hatte voll Bock auf einen Burger oder ein kühlendes Softeis, Tatorte machten mich immer hungrig, schrie eine mir bekannte Stimme zu mir runter: „Bukowski, es gibt noch eine Leiche, da vorne, in der Seitengasse“. Ich blickte nach oben und sah einen Mann, der mit seinem Arm auf die Seitengasse rechts von mir zeigte. Ich holte mein Telefon aus der Hosentasche und wählte die Kurzwahl Nummer 3. Es klingelte. Es klingelte noch mal. Dann nahm jemand ab. Dann hörte ich, wie jemand in seiner Hosentasche nach seinem Telefon kramt, jetzt gefunden hat, aus der Hosentasche holt, weil ich den identischen Straßenlärm einmal durch das Telefon und einmal real höre, und da war sie dann endlich, seine Stimme: „Myers?“. „Hallo Myers! Statt die ganze Nachbarschaft in Panik zu versetzen und es bis Ohio zu brüllen, dass eine zweite Leiche gefunden wurde, hättest du mich auch einfach anrufen können.“ Ein kleines Zögern, „Stimmt.“, sagte er dann kurz angebunden. „Treffen wir uns am Opfer?“, fragte ich. „Jap“, sagte er und legte auf.

Ich musste grinsen. Er war schon ein kleiner Trottel. Ich fragte mich häufiger, wie er es zum Detective geschafft hatte.

In der Seitengasse lag eine zweite Person. Auch die Pulsadern aufgeschnitten. Er saß mit dem Rücken angelehnt an die Hausmauer. Die Beine von sich gestreckt. Wie die örtlichen Penner, wenn sie einen über den Durst gesoffen und es nicht mehr in ihren Karton geschafft hatten. Seine Arme hingen schlaff runter. In der rechten Hand hielt er ein Küchenmesser. Seine Pulsadern waren auf beiden Seiten aufgetrennt und seine Hände lagen in Blutpfützen.

„Er könnte der Mörder sein“, vermutete ich. „Die Klinge sieht passend aus!“. Ich hockte mich dicht neben ihn und machte Fotos, von seinem rechten Arm und der Klinge. Gerade als ich aufstehen und zur linken Seite wechseln wollte, holte er tief Luft und hustete. Ich erschrak mich so zu Tode, dass ich auf meinem Hintern landete und mich fast eingepinkelt hätte. „Ruft einen Krankenwagen, er lebt“, schrie ich Myers zu, der am Eingang der Gasse gerade einen Officer anwies, wie er abzusperren hatte. Ich sah, wie Myers sich zu mir umdrehte und mich verdutzt ansah, als hätte er nicht geschnallt, was ich gesagt hatte. „Krankenwagen“, schrie ich erneut.

Myers griff nach seinem Telefon, welches er fast fallen lies. Wie ein Zirkusclown bei einer Jongliernummer griff er dreimal danach in der Luft, bevor er es tatsächlich in der Hand hatte und den Notruf wählte. Alle Cops haben den Notruf eingespeichert, um nicht lange nachdenken und wählen zu müssen. Myers hatte trotzdem schön viel Zeit vertrödelt, mit seiner Slapstick Einlage.

Ich hatte das Opfer in der Zwischenzeit auf den Boden gelegt, das Messer gesichert und fühlte an seiner Halsschlagader nach seinem Puls. Nichts. Scheiße! Ich begann mit der Herzmassage. Scheiße, schön ein paar Beweise verwischen, das hast du Pisser doch bestimmt mit Absicht gemacht. Noch mal wiederkommen. Nein, geh bloß nicht in das Licht, viel zu grell und voll scheiße soll es da sein, mit ewigem frieden und so. Da nerv ich doch lieber noch ein wenig die Polizisten und komm noch mal kurz zurück. In der Hoffnung, dass sich jemand peinlich einpinkelt und so den Tatort verunreinigt. Das wäre eine lebenslange Lachnummer, dachte ich so vor mich hin, während ich von der Herzmassage zur Beatmung überging. Husten. Puh, Glück gehabt, wischte ich mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.  Hatte eh gar keinen Bock, meine schönen Lippen auf seine fusseligen zu pressen. „Ich“, keuchte und hustete er. „Nein, nicht sprechen. Schonen sie ihre Kräfte und konzentrieren sie sich aufs Überleben“, sagte ich ihm, während ich meine Jacke unter seinen Kopf legte. Meyer hockte sich auf die andere Seite. „Der Krankenwagen ist unterwegs“, sagte er dem Opfer Schrägstrich Täter und fasste ihm dabei sanft ins Gesicht, um ihn zu beruhigen. So sanft, fasste er ihn an … Katzenbabys, Katzenbabys, Katzenbays, schüttelte ich den Kopf mit verkrampft geschlossenen Augen. Myers ist eine Niete, du hast es etwas Besseres, nein, cooleres verdient, sagte ich mir in Gedanken. So sanft … Schnauze Hirn, motzte ich mich innerlich selber an.

„Ich“, das Opfer Schrägstrich der Täter hustete wieder. „Ich hab sie umgebracht“, gab er flüsternd-röchelnd von sich. Ich schaute Myers an und er ihn mit offen stehendem Mund. Wie dämlich Myers so aussieht, dachte ich. „Sie hat mich in den Wahnsinn getrieben“, man hörte ihn kaum und er rang nach seinen Kräften. „Ständig war sie am rumnörgeln und nichts war gut genug!“ Seine Augen verdrehten sich und er sackte kurz weg. „Bleiben Sie bei mir!“, sprach Myers ihn laut an. Da war er wieder! Öffnete die Augen und immer wieder brach ihm die Stimme weg. „Ich habe ihr Fischsud in den Kaffee getan“, röchelte er, „sie ist allergisch.“ „Aha“, sagte ich laut. „Damit sie Atemnot bekommt und sich nicht wehren konnte“. Er hatte doch noch mehr Kraft in sich, als ich dachte. „Ich habe sie auf ihren Lieblingsteppich gelegt, den man nicht betreten durfte, da er sonst hätte Flecken bekommen könnte“ (BÄM!) wusste ich, dachte ich still in mich hinein. Scheiße bin ich gut, klopfte ich mir imaginär auf die eigene Schulter. „Und ihr die Pulsadern aufgeschnitten, damit der Teppich schön versaut wird und sie sich im Sterben noch ärgert. Damit sie richtig angepisst ist, dass ich nicht mal das vernünftig hinbekomme. Sie hat die ganze Zeit vor sich hin geröchelt, was für ein mieser Versager ich doch wäre und dass ich die Flecken nicht mit Bleiche behandeln soll. Mein Gott, hat die mich angekotzt.“ „Aber warum liegen sie hier unten, auch mit aufgeschnittenen Pulsadern?“ fragte ich ihn. „Mich hat der Mut zur Flucht verlassen.“, sagte er kurz angebunden, holte noch einmal tief Luft und sackte dann wieder in sich zusammen.

Die Sanitäter waren gerade eingetroffen, als ich wieder mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begann. „Wir übernehmen“, sagte einer der schicken Jungs und sie transportierten ihn ab.

„Er wird es nicht schaffen, oder?“, fragte die brummelige Stimme vom Captain neben uns. Scheiße, wie konnte der sich so anschleichen, zuckte ich innerlich zusammen. „Ich denke nicht.“, sagte ich.

„Jemand Bock auf einen Burger, ich sterbe vor Hunger.“, sah ich Meyers und Anderson an. „Gute Idee, sagte der Captain“ und winkte Meyers, dass er uns folgen sollte. „Tatorte machen mich immer hungrig.“, sagte er und ging voran.

5 Gedanken zu “Blut und Burger

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