Die Veränderung


Dunkler Keller

„Du schaffst das Vivien, du bist verdammter Life Coach! Es ist dein Job, andere Leute aus aussichtslosen Situationen herauszumanövrieren. Jetzt denk nach. Jetzt betrifft es dich selbst. Was würdest du dir selbst raten?“, „Was müsstest du an der Situation ändern, damit sie zu deiner Zufriedenheit entspricht?“

Ich dachte nach. Ruckelte wieder an den Fesseln, die sich in das Fleisch meiner Handgelenke gruben. Immer noch fest. 

Nach einem meiner „Nimm dein Leben verdammt doch mal selbst in die Hand“ Seminaren in einem Hotel in Las Vegas, schlug mich jemand bewusstlos, kurz bevor ich meinen Wagen in der Tiefgarage erreichte. Ich hatte nichts und niemanden kommen hören. Als ich erwachte, lag ich in einem dunklen Raum. Meine Liegeposition war sehr unbequem. Ich spürte harte Sprungfedern in meinem Rücken und mein Schädel tat so verdammt weh, dass ich ihn am liebsten mit einem Bohrer aufgebohrt hätte, um den Schmerz freizulassen.

Noch total benommen, steckte mir jemand etwas in den Mund und befahlt mir, in einer ruhigen, flüsternden, aber doch nachdrücklichen Tonlage, dass ich trinken soll. Es würde gegen die Schmerzen helfen. Noch viel zu benebelt, fing ich tatsächlich an zu saugen, es schmeckte sehr stark nach aufgelöster Aspirin. Kurz darauf schlief ich wieder ein. Als ich zum zweiten Mal erwachte, war ich immer noch in dem dunklen Raum, immer noch gefesselt, aber immerhin waren die Schmerzen so gut wie weg.

„Hallo?“ rief ich und fing unmittelbar an zu weinen. Der Raum stank nach Urin und Kotze. Ich wollte mich umsehen, aber es war zu dunkel. Ich konnte nur schemenhaft die Ecken und Wände des Raumes erkennen und die heraufsickernde Flüssigkeit in meinen Augen half nicht gerade dabei.

Ich schluchzte. Eine Welle der Angst überkam mich und die Tränen rannen mir die Wangen runter. Meine Nase fing an zu laufen und mein Kopf wurde heiß. „Hallo? Können sie mich hören? Ich muss aufs Klo.“ Ich wartete… wie lange, weiß ich nicht.

Keine Reaktion. „Ich habe Geld.“, rief ich. Keine Reaktion. „Ich will hier raaaaaaaaaaus!!“, schrie ich aus voller Lunge!

Ein blasser Lichtkegel durchbrach die Dunkelheit. Ich hörte keine Schritte, kein Atmen, keine Bewegungsgeräusche. Er stand plötzlich einfach vor mir und sah mich an.

Ich mag es nicht, wenn du redest.“ flüsterte er mir zu. „Ich, ich… was habe ich ihnen getan?“ Ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen, Tränenfluten strömten aus mir heraus, ich musste laut Schluchzen und konnte mich nicht mehr beruhigen. Das war zu viel, das war einfach alles zu viel. Was wollte er, was habe ich getan? Was will er? Wie komm ich hier raus?

Meine Gedanken überschlugen sich und ich wusste kaum, wie mir geschah. „Ich will dein Geld nicht.“. Seine Stimme hatte einen warmen Ton und sie wirkte irgendwie leicht brummend. Als könnte ich spüren, wie sein Brustkorb beim sprechen angenehm leicht vibriert.

„Was willst du dann?“, zitterte meine Stimme ihn an. „Ich will, dass du keinen Ton mehr von dir gibst! Ich kann es nicht leiden und dies ist die letzte Warnung Schätzchen.“. Er stand ganz ruhig da und sah mich an. Für mich sah er nur grau aus, es war einfach zu dunkel und meine Augen zu verheult. Er neigte den Kopf zur Seite und ich spürte, wie seine Blicke meinen Körper abtasteten.

„Ich muss aufs Klo“, sagte ich und duckte mich innerlich.

Mit der linken Hand griff er in meinen Mund und mit der rechten Hand stülpte er mir etwas kaltes über mein Gesicht. Ich wusste nicht, wie und was mir geschah. Ich zappelte und wehrte mich, doch seine Fesseln saßen einfach zu fest. Kein Life Coach Trick der Welt kann mir hier gerade helfen.

Ich habe dich gewarnt Vivien“, murmelte er. Dieses Ding auf meinem Kopf hielt meinen Mund offen. Ich schrie und schrie. Aus voller Brust schrie ich so laut ich konnte. Kein vernünftiger Laut kam zustande, ich wollte mich nur befreien. Er griff mir in den Mund, seine Finger schmeckten dumpf und matt, nach Plastik. Dann schnitt er mir die Zunge heraus. Und ich war ruhig. Schock.

Vollgepumpt mit Adrenalin riss ich die Augen auf und starrte ihn direkt an. Ich konnte seine Augen sehen. Honigbraun und warm, lange schwarze Wimpern, fast schon zu lang für einen Mann, aber erschreckenderweise total beruhigend. Zuviel Flüssigkeit lief mir die Kehle herunter, ich musste würgen. Er schnitt die Fesseln am Handgelenk los, damit ich mich zum Kotzen aus dem Bett beugen konnte. Es lief einfach alles aus meinem Mund heraus. Meine Kehle würgte, aber ich konnte das Ergebnis nicht ausspucken. Mit offenem Mund lag ich bäuchlings auf dem Bett und lies einfach laufen und nicht nur aus dem Mund.

„Ich hatte dich gewarnt Vivien.“

Ich machte kein Geräusch. Mich überkamen so starke Schmerzen, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Als wäre mein ganzer Unterkiefer einfach herausgerissen. Ich traute mich nicht den Mund zu schließen, um nicht die neue Leere in ihm zu spüren. Ich weinte, ganz leise, nur für mich. Blut und Sabber liefen weiter aus meinem Mund auf den Boden und nun kam auch noch Tränenflüssigkeit dazu.

„Vivien“, sprach er mich an. Ich sah auf. Ich muss deine Wunde versorgen, sonst bekommst du eine Entzündung. Ich machte kein Geräusch, aber noch mehr Tränen liefen über mein Gesicht. Es sah fast so aus, als hätte er Mitleid mit mir. Er lief durch den Raum, schaltete eine Stehlampe in der Zimmerecke ein und kam mit einem Servierwagen zurück, auf dem silberfarbene Gegenstände blitzen und schimmerten. Er schaffte es immer, sein Gesicht im Schatten zu halten. War das seine Masche? Um so meine Angst zu schüren. Es funktionierte, keine Frage!

Ich hatte unfassbare Angst. Der Bastard hatte mir mal eben so die Zunge herausgeschnitten. Ohne zu Zögern hatte er zugegriffen und sie in einem Ruck entfernt. Das hat er nicht zum ersten Mal gemacht! Ich begann zu zittern und mir wurde kalt. Mein Körper versagte. Ohnmacht.

Wieder zu mir gekommen fühlte ich sie, diese Leere in meinem Mund. Aber anscheinend blutete es nicht mehr. Ich wollte meine Zunge bewegen um meinen Mundraum zu erfühlen, wie man es aus Gewohnheit macht, wenn man noch Körner vom Frühstück zwischen den Zähne hat. Aber ich konnte nichts erfühlen, denn sie war nicht mehr da. Stattdessen macht ich ein komisches, hohles Luftschnapp-Geräusch mit meinen Lippen und ich zuckte zusammen. War er hier, hatte er mein Geräusch gehört, meine Augen suchte den Raum ab, soweit es ging.

Meine Arme waren nicht mehr gefesselt. An meinen Fußgelenken waren dicke Ketten, die an noch dickeren Eisenringen im Boden befestigt waren. Ich traute mich nicht, mir in den Mund zu fassen.

„Vivien“, hörte ich eine vertraute Stimme in der Ecke. „Ich habe deine Zunge mit chirurgischem Kleber verklebt und dir ein Breitband-Antibiotikum verabreicht. Wir müssen dich jetzt im Auge behalten, damit sich deine Wunde nicht entzündet. Wenn ich dir die Fesseln abnehme, damit du Duschen gehen kannst, versprichst du mir, keine wilden Sachen zu veranstalten? Ansonsten wäre als nächstes dein linkes Ohr dran.“ fragte er mich sehr ruhig. Ich nickte.

3 Jahre später, hatte sich mein ganzes Leben verändert. Ich hatte es in die Hand genommen und ich hatte mich entschieden. Ich hatte mich entschieden zu leben!

Wie ein kleines Kind auf dem Weg zum Freizeitpark, kniete ich hinten im Van auf einer Matratze, direkt hinter ihm, damit ich seinen Nacken massieren konnte. Das hatte er gerne. Als ich eine junge Frau am Straßenrand erblickte, tippte ich ihm aufgeregt auf die Schulter und zeigte mit dem Finger auf sie. „Die willst du?“ lächelte er mich durch den Rückspiegel an, „das soll deine neue beste Freundin werden?“.

Ich nickte aufgeregt und lächelte schüchtern zurück. „Sollst du haben.“, er verlangsamte die Fahrt und rollte vorsichtig an die Frau heran. Ich riss die Schiebetür vom Van auf, griff mit einer Hand ihre Haare und mit der anderen ihre Jacke. Ich zerrte sie in den Van und schlug ihr so lange mit den Fäusten ins Gesicht, bis sie bewusstlos war.

Ich hörte ein Geräusch und drehte die Kopf in die andere Richtung. Ohne Ohrmuscheln lies es sich nicht mehr so gut hören. „Gut gemacht Vivien“, sagt er und ich war glücklich!

Es hatte mich meine Zunge, mein rechtes und linkes Ohr, sowie meinen linken Daumen gekostet. Aber ich hatte mich verändert, hatte mich angepasst. Das war es, was er damals suchte, eine Gefährtin. Und das war ich jetzt für ihn. Ich war wieder die Nummer 1! Aus einer ausweglosen Situation immer das Beste heraus holen. Ich hatte mich für mein Leben entschieden. Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Limonade draus. Das hatte ich getan, so gut wie möglich.

16 Gedanken zu “Die Veränderung

  1. Hallo Petra…ich lass einfach mal einen lieben Gruß hier….incl. meiner Punkte … ;-) Zu deiner Geschichte fällt mir grad nichts ein………hm…..Gruß Simone und weiterhin viel Freude an deinem Blog…

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  2. Hallo Petra!
    Da bin ich ja froh, dass ich heute nicht mehr aus dem Haus muss …

    Ja, schreiben setzt Disziplin voraus, ich tue es selbst seit Jahren und habe auch schon ein paar „Schreibwerkstätten“ absolviert.
    Ein ganz wichtiger Merksatz:
    Zeigen statt erzählen.
    Meist bist du ziemlich direkt mit dem Zeigen, nur bei dem Moment, als sie in der Tiefgarage ausgeknockt wurde, war mir das zu wenig aus der Perspektive der Figur.
    Sie stand vielleicht schon am Wagen, kramte nach ihrem Autoschlüssel …
    Und dann WUMMS – Lichter aus!
    Ich denke da könntest du durchaus noch mehr rauskitzeln.
    Noch ein wichtiger Merksatz:
    In den Schuhen seiner Figur gehen.
    Wenn wir in unserer Schreibgruppe eine Figur entwickelten, dann haben wir das sehr oft herunter gebrochen, von den Äußerlichkeiten – vom Loch in der linken Socke, bis zu Angewohnheiten – Nägelkauen …

    Ach, jetzt kommt’s noch bei Vornamen immer darauf achten, gleiche Schreibweise beibehalten. Vivian, Vivien?! Und irgendwo war noch ein Tippfehler, aber habe ich beim zweiten Drüberschauen nicht mehr gefunden.

    Immer die Finger in Bewegung halten, der letzte Tipp für heute!
    Viel Spaß beim Weiterschreiben

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    • Vielen Dank!! Da haben schon super viele Leute drübergelesen und keiner hat das bisher gemerkt. Das fehlt mir leider, jemand, der noch mal drüber liest :)
      Ich danke dir vielmals und guck mir das gleich noch mal an ;)
      Ich nehme auch noch an diversen anderen Kursen teil und meistens bekommt man ungefähr die gleichen Tipps, außer das mit dem Herunterbrechen. Genau das war auch Thema und dort wurde uns gesagt, dass man seinem Leser auch Freiheiten lassen muss und nicht immer alles vorgeben soll.
      Ich muss einfach noch unfassbar viel lernen, um auch meinen Weg zu finden, wie es für meine Geschichten am besten funktioniert.
      Das ist alles nicht so einfach. Aber das brauche ich dir sicherlich nicht zu erzählen :D

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      • Nein, das ist keine unbekannte Information für mich und man lernt nie aus. So auch beim Formulieren von nett gemeinten Ratschlägen …
        Das Runterbrechen, der Figur macht sie greifbarer für den Autor.
        Das heißt weniger, dass du deinem Leser sagst, er ist blond, 1,80 groß und hat ein grünes und ein blaues Auge, außerdem steht sein Konto gerade mit 42,83 Euro in den Miesen.

        Aber, alleine, dass du diese Info über die Figur hast, lässt es zu, dass du sie dem Leser durch ihre Handlungen näherbringen kannst. Vielleicht wird es in deiner Geschichte mal sehr wichtig, dass er sein Konto überzogen hat, vielleicht mehr als sein Äußeres.

        Und ja zur Freiheit für den Leser, aber am Ende bleibt es DEINE Geschichte.
        Das ist auch was wir in unserer Gruppe oft machen, gegen-lesen und Vorschläge machen und immer den Spruch:
        AM ENDE BLEIBT ES DEINE GESCHICHTE, DU ENTSCHEIDEST!

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